Berglandschaft in Tadschikistan mit steilen Felshängen, einer Straße und einzelnen Gebäuden im Tal.

Steile Berge, verstreute Dörfer und lange Winter prägen das Rascht-Tal in Tadschikistan. Für Menschen, die einen Minenunfall überlebt haben, erschwert diese Abgeschiedenheit den Zugang zu medizinischer Versorgung und Arbeit. Eine von unserer Partnerorganisation FSD durchgeführte Studie zeigt, wie eng diese Herausforderungen miteinander verbunden sind. Ergänzende Zahlen helfen, die Region und ihre Lebensbedingungen einzuordnen.

Wo liegt das Rascht-Tal?

Das Rascht-Tal liegt in Tadschikistan, einem zentralasiatischen Land. Das Bezirkszentrum Gharm, befindet sich am Fluss Surchob, rund 220 Kilometer östlich der Hauptstadt Dushanbe. Zwischen den Gebirgszügen Karategin und Peter I. liegen die Dörfer weit verstreut.

Schnee, Erdrutsche und Straßensperren können Gemeinden über mehrere Monate isolieren. Auch bei freien Straßen sind Fahrten in größere Orte zeitaufwendig und teuer. Für Menschen mit eingeschränkter Mobilität wird diese Entfernung zu einer besonders hohen Hürde.

Karte von Tadschikistan mit markierter Route von Duschanbe ins Rascht-Tal und einer Entfernungsangabe von 220 Kilometern.

Eine Prothese reparieren lassen – dafür bis in die Hauptstadt

Wer eine Prothese anpassen oder ersetzen lassen muss, findet im Rascht-Tal keine entsprechende spezialisierte Versorgung. Dafür müssen Betroffene nach Duschanbe reisen. Wie lange die Reise dauert, hängt auch vom Straßenzustand und von der Jahreszeit ab.

In den Gesprächen mit Betroffenen wurden Transportkosten als häufigstes Zugangshindernis genannt. Manche Menschen benötigen außerdem eine Begleitperson, deren Fahrt ebenfalls finanziert werden muss. So bleiben beschädigte Prothesen unrepariert und notwendige Anpassungen werden hinausgezögert. Schmerzen und eingeschränkte Beweglichkeit erschweren wiederum die Arbeit und damit die Möglichkeit, Geld für eine Behandlung zurückzulegen.

Der Krieg ist lange vorbei, seine Folgen sind es nicht

Der Bürgerkrieg in Tadschikistan begann 1992. Am 27. Juni 1997 wurde das allgemeine Friedensabkommen unterzeichnet. Das Rascht-Tal gehörte zu den Regionen, die von heftigen Kämpfen geprägt waren. Zurück blieben Minen und andere explosive Kriegsreste.

Satellitenbild eines Talabschnitts im Rascht-Tal mit Siedlungen, Feldern und Flussbett sowie gelb und rot markierten Räumungsflächen.

Gelb: geräumte Flächen, Rot: laufende Räumungsarbeiten. Copyright: FSD

Menschen wurden bei alltäglichen Tätigkeiten verletzt: beim Holzsammeln, beim Hüten von Tieren oder beim Spielen im Freien. Amputationen, der Verlust des Augenlichts und chronische Schmerzen beeinflussen ihren Alltag bis heute. Die Folgen reichen von unterbrochenen Ausbildungen über eingeschränkte Berufsmöglichkeiten bis zu einem dauerhaften Unterstützungsbedarf.

Räumung und langfristige Hilfe bleiben deshalb eng miteinander verbunden. FSD ist seit 2003 in Tadschikistan tätig. Für 2025 meldet die Organisation landesweit 347.475 Quadratmeter geräumte Fläche.

Arbeit gibt es vor allem dort, wo körperlicher Einsatz gefragt ist

Viele Haushalte im Rascht-Tal leben von kleinbäuerlicher Landwirtschaft oder saisonaler Arbeit. Feste Arbeitsplätze sind selten, Einkommen schwanken. Wer schwere körperliche Arbeit nicht mehr ausüben kann, findet entsprechend wenige Alternativen. Manche Betroffene arbeiten deshalb trotz Schmerzen weiter, um ihre Familien zu versorgen. Zahlreiche Familien sind auf Geld von Angehörigen angewiesen, die im Ausland arbeiten. 

Das Geld hilft, Lebensmittel, medizinische Versorgung und Ausgaben für den Schulbesuch zu finanzieren. Geringe Rentenleistungen bieten manchen Haushalten eine regelmäßige Einnahme, reichen aber häufig nicht für den Lebensunterhalt. Für eine Nähmaschine, Arbeitsgeräte oder die Ausstattung eines kleinen Geschäfts bleibt kaum Spielraum.

Vorhandenes Können braucht passende Möglichkeiten

Viele Überlebende verfügen über berufliche Erfahrung und konkrete Pläne. Unterstützung kann dort ansetzen, wo sich dieses Können unter den Bedingungen vor Ort einsetzen lässt.

Wer nähen kann, braucht möglicherweise eine Nähmaschine und Materialien, um Kleidung anzufertigen oder Änderungen anzubieten. Bei kleinen Geschäften, Bäckereien und Reparaturdiensten können fehlende Geräte die Weiterentwicklung verhindern. Manchmal hängt die Erwerbstätigkeit auch daran, ob ein beruflich genutztes Fahrzeug repariert werden kann.

In der Landwirtschaft können motorisierte Bodenfräsen schwere Handarbeit erleichtern. Tierhaltung bietet ebenfalls Möglichkeiten, wenn Erfahrung, körperliche Voraussetzungen und Nachfrage zusammenpassen.

Für Frauen können Tätigkeiten von zu Hause aus zusätzliche Erwerbschancen schaffen. Betreuungspflichten, traditionelle Rollenbilder und ein begrenzter Zugang zu finanziellen Mitteln schränken ihre Möglichkeiten häufig weiter ein.

Hilfe muss erreichbar sein

Neben Geld und Ausstattung fehlt es mitunter auch an Informationen: Welche Leistungen stehen mir zu? Welche Unterlagen brauche ich? Wo kann ich Unterstützung beantragen? Obwohl auf Bezirksebene Sozialstellen vorhanden sind, wissen nicht alle Betroffenen, wie sie diese Angebote nutzen können.

Auch die psychischen Folgen eines Unfalls brauchen Aufmerksamkeit. Ängste, traumatische Erfahrungen und soziale Isolation belasten viele Überlebende zusätzlich. Medizinische Betreuung, Beratung und berufliche Unterstützung müssen deshalb zusammengedacht werden.

Im Rascht-Tal entscheidet die Erreichbarkeit darüber mit, ob Hilfe tatsächlich ankommt. Eine reparierte Prothese kann den Alltag erleichtern, ein geeignetes Gerät körperlich belastende Arbeit reduzieren und eine Nähmaschine vorhandenes Können nutzbar machen. Entscheidend ist, gemeinsam mit den Betroffenen herauszufinden, was unter ihren Lebensbedingungen funktioniert.

Mehr über unsere Unterstützung für Überlebende von Minenunfällen erfahren Sie hier.